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Offener Brief

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Sehr geehrte Stadtverordnete der Stadt Kronberg

Kronberg, 1. Juni 2015

 

Sie stehen am 11. Juni vor weitreichenden Entscheidungen, die das Stadtbild, die Lebensqualität und auch das Steueraufkommen der Stadt Kronberg für die kommenden Jahrzehnte stark beeinflussen werden.

Wir, Kronberger Bürger mit unterschiedlichen beruflichen Hintergründen, unterschiedlichen Lebenssituationen und aus den verschiedenen Kronberger Stadtteilen, sind grundsätzlich für sinn- und maßvolle Baumaßnahmen. Wir wollen jedoch die einzigartige Historie, Atmosphäre und Lage, die „grüne“ Bebauung und die hervorragende Anbindung Kronbergs im Rhein-Main-Gebiet behutsam weiterentwickeln und etwaige Bauvorhaben immer auch vor dem Hintergrund der kritischen Haushaltssituation überprüfen. Deshalb haben wir einige der in der öffentlichen Diskussion aufgeführten Begründungen für die aus städtischer Sicht notwendigen Baumaßnahmen mit den uns zur Verfügung stehenden Fakten verglichen.

 

Dies sind die Ergebnisse unserer Analyse:

Begründung 1: Die Einwohnerzahl der Stadt Kronberg wird bis 2030 schrumpfen.

Die Fakten: Laut neuesten Berechnungen der HessenAgentur/Hessisches Statistisches Landesamt wird das Wachstum der Kronberger Bevölkerung von 2013 bis 2030 auf +0,6% geschätzt. Kronberg ist einer der attraktivsten Standorte in einer der wirtschaftsstärksten Regionen Europas, und es gibt keinen Grund zu der Annahme, dass die Stadt nicht dauerhaft die Bevölkerungsstärke halten oder organisch ausbauen kann.

Fazit: Kronbergs Bevölkerung bleibt stabil.

 

Begründung 2: Kronberg muss bis 2030 insgesamt ca. 700 neue Wohneinheiten bauen, um die jetzige Einwohnerzahl zu halten. (Basis ist die durch die Stadt Kronberg beauftragte Wohnungsbedarfsprognose des Instituts IWU)

Die Fakten: Im ungünstigsten von drei berechneten Szenarien kommt das IWU zu dem Ergebnis, dass 703 neue Wohneinheiten (WE) notwendig wären, um einem Bevölkerungsrückgang entgegenzutreten (basierend auf der inzwischen nicht mehr korrekten Annahme, dass die Bevölkerung schrumpfen würde!).

 

Lässt man die Tatsache außen vor, dass die Bevölkerung ohnehin stabil bleibt, ist die Summe von 703 neuen WE dennoch nicht richtig! Die Zahl setzt sich nämlich zusammen aus:

 

260 Wohnheimplätzen (also keine Wohneinheiten; primär in Seniorenheimen o.ä.) +168 „Ersatzwohneinheiten“ (also ein Neubau auf bereits bebauten Flächen) +275 Wohneinheiten, um das heute bestehende 5% Überangebot (also leerstehende Wohneinheiten) auch in 2030 vorzuhalten.

Von den 703 WE müssen die 168 Ersatzwohneinheiten jedoch planerisch abgezogen werden, da dafür ja gerade keine Neubauflächen benötigt werden.

Es ist fraglich, ob ein bereits heute deutlich überdurchschnittlicher Leerstand von 5% einberechnet werden muss. Selbst das IWU berechnet alternativ einen Leerstand von 3% und ermittelt dafür nur noch einen Bedarf von 96 WE.

Fazit: Selbst die seinerzeitige IWU-Analyse hätte neben 260 Wohnheimplätzen nur einen Bedarf von 96 neuen Wohneinheiten verteilt auf 16 Jahre ergeben! Diese sind zwischenzeitlich in den beiden Neubaugebieten Am Henker und Auf der Heide bereits nahezu entstanden!

 

Begründung 3: Es gibt einen Mangel an jungen Familien mit Kindern

Die Fakten: Die Zahl junger Familien wird nicht übermäßig zurückgehen, Kronberg hat eine über dem deutschen und hessischen Schnitt liegende Geburtenrate (8,9 pro 1000, Deutschland: 8.3 pro 1000; Quelle: Nachhaltigkeitsbericht der Stadt Kronberg) und einen um 12% über dem deutschen Schnitt liegenden Anteil von Kindern unter 10 Jahren (Quelle: Zensus 2011). Es wird vielmehr die Zahl der älteren Familien (40-50 Jahre mit Kindern älter als 6 Jahre) bis 2030 sinken (Quelle: HessenAgentur, s. Tabelle). Somit müsste gerade für diese Familien die Attraktivität von Kronberg gewahrt werden, indem die für sie typischen Wohnformen (EFH/DH) erhalten bleiben und nicht stattdessen Geschosswohnungsbauten errichtet werden. Kronberg war schon immer attraktiv für Paare, die erst mit Kindern nach Kronberg ziehen. Singles oder junge Paare bevorzugen eher die Frankfurter Innenstadt.

 

Begründung 4: Baumaßnahmen bringen Einnahmen für Kronberg

Die Fakten: Das ist zwar richtig, aber sie verursachen auch erhebliche Kosten, zum Beispiel für:

  • Infrastrukturmaßnahmen (Kanalausbau, Versorgungsleitungen etc.)

  • Plätze in Kindertagesstätten, Kindergärten sowie Grund- und weiterführenden Schulen

  • Neubau bzw. Erweiterung des Straßennetzes

  • Parkplätze

  • am Bahnhof zusätzlich: Verlegung von Bach und Oberleitungen der Bahn (was sich ggf. auf den Verkaufserlös für die städtischen Grundstücke auswirken wird)

Vor dem primären Ziel, den städtischen Haushalt zu konsolidieren, sollten deshalb vor Ihrer Entscheidung dringend die Kosten berechnet und den Einnahmen gegenübergestellt werden.

Um die dringend benötigten Steuer- und sonstigen Einnahmen zu erhalten bzw. zu steigern, sollte abgewogen werden, welche Zielgruppen angesprochen werden.

 

Sehr geehrte Stadtverordnete, wir halten eine Bebauung am Bahnhof (Schillerwiesen und Gleis 3) grundsätzlich für sinnvoll. Angesichts der oben ausgeführten Fakten erscheinen uns jedoch fast 100 zusätzliche Wohneinheiten für Kronberg deutlich überdimensioniert, insbesondere für das dortige Stadtbild und die Nachbarschaft. Die Auswirkungen auf Finanzen und Verkehr sind noch nicht hinreichend analysiert.

Wir bitten Sie daher eindringlich, Ihre Entscheidungen zu den Baufeldern erst dann zu treffen, wenn Ihnen weitere Informationen zu Bedarf, Finanzen und Verkehr vorliegen. Außerdem werden gerade auf Ihren Wunsch hin im Bürgerbeteiligungsprojekt zur Stadtentwicklung kurzfristig Empfehlungen erarbeitet, die Kronberg als Ganzes betrachten und Ihnen ebenfalls eine Entscheidungsgrundlage liefern werden.

Denn Ihre Entscheidungen werden im Wortsinne immobil und „in Stein gemeißelt“ sein.

 

Mit freundlichen Grüßen,

gez. Dr. Ulrike Aussem Dr. Volker Balda  |  Johanna Beecken  |  Peter Behncke  |  Dr. Lutz Blank  |  Birgit Korte-Blank  |  Alexa Börner  |  Dr. Jochen Eichhorn  |  Oliver Fuchs  |  Amelie v. Grolman  |  Berthold Hackl  |  Catherine Hackl  |  Michael Haug  |  Susanne  Hassler  |  Günther Kruse  |  Brigitte Pampel  |  Andreas Sieler  |  Dr. Jens Stechl  |  Kerstin Stechl  |  Gereon Stegmann  |  Dr. Marc D. Voss  |